Die Synagoge








Es handelt sich bei der Synagoge um einen zweigeschossigen Steinbau aus rohem Basalt-Bruchsteinmauerwerk. Eine Buntglas-Rosette befand sich über dem Eingang, die Seitenfenster waren aus einfachem und hellem Glas gearbeitet. Sie stand giebelseitig zur Straßenflucht und erschien durch den niedrigen Sockel und die drei turmartigen Aufbauten großer. Dieser Eindruck wurde durch die Aufteilung des Straßengiebels noch verstärkt. Das Obergeschoss war tatsächlich höher als der Unterbau, und dieser wirkte durch die niedrigen Fenster auch noch niedriger. Das Obergeschoss war durch ein sog. Kaffgesims vom Unterbau getrennt. Durch die symmetrische Anordnung der Fenster wirkte die Fassade wie eine durchgehende Fläche. Sowohl das Gesims als auch die Wandungen der Fenster und der Tür waren aus rotem Sandstein gearbeitet. In der Bogenfläche des großen zweiteiligen Fensters mit einer Mittelsäule befand sich eine Rosette, und die verglaste Lünette über dem Eingangsportal hatte eine radiale Sprossenaufteilung. über dem Portal durchbrach ein Stein mit hebräischer Inschrift das Kaffgesims. Stilistisch gesehen fand man an dem Synagogenbauwerk eine Mischung von neuromanischen und arabisch-maurischen Stilelementen. Das Gebäude war eindeutig als Synagoge erkennbar.
In dem nicht geosteten Gebäude befanden sich links und rechts des Mittelganges jeweils sechs Holzbänke. Auch auf der Frauen-Empore, die sich über die innere Rückwand und die Seitenwände erstreckte (ähnlich der Empore in der Niddaer Stadtkirche), befanden sich einfache Holzbänke. Der Bereich vor dem Thoraschrein erstreckte sich in süd-östlicher Richtung und war einige Stufen erhöht. Den Fußboden schmückte hier ein goldverzierter grüner Stoffläufer, der Thora-Schrein (Aron hakodesch) mit dem Thora-Vorhang war in einer neugotisch rot angelegten Apsis untergebracht. Zu dem kunstvoll silberverzierten Thora-Vorhang (Parochet) gehörte das passende schabrackenartige Oberteil.
Im vorderen Drittel der Synagoge befand sich die Bima, ein Lesepult, auf dem die Thora gelesen wurde. Um die kostbare Thora-Rolle nicht zu berühren, wurde auch in Nidda mit einem silbernen Thora-Zeigefinger (Jad) gelesen. Obwohl die Bima auch als Almemor (von arab. Al-min-bar) bezeichnet wird, war Bima das gebräuchliche Wort in der Niddaer jüdischen Gemeinde. Sie wurde auch einmal als "Altar" bezeichnet, als der Niddaer Anzeiger das Programm der Einweihungsfeier veröffentlichte. Da konnte man lesen, dass die Thora-Rollen von Mitgliedern der Gemeinde dem Ritus gemäß dreimal um den "Altar" getragen wurden. Auch in der Anlage zum Voranschlag für 1937" wird unter der Nr. 6 der Mobilien ein "Altar" aufgezählt, der mit 10 Rmk veranschlagt ist.
Die Bima in der Niddaer Synagoge befand sich nicht genau in der Mitte des Raumes. Sie befand sich im vorderen Drittel. Sie war aus Holz und passte sich dem Stil der Empore an. Es führten einige Stufen zu dem Lesepult mit schräger Platte hinauf, auf dem die Lesung aus der Schriftrolle erfolgte. Auf der Bima selbst befand sich auch noch eine hölzerne Bank. Vom Platz her muss man sich die Größe einer Bima-Plattform so vorstellen, dass drei Personen auf ihr stehen und sitzen können. Wenn die Lesung aus der Thora erfolgt, stehen links und rechts von dem männlichen Gemeindemitglied, das zur Lesung aufgerufen wurde, der Vorsteher und der Vorbeter und wachen darüber, dass kein Jota des Gesetzes verlorengehe. Nachdem der Aufgerufene die Thorarolle aus der heiligen Lade genommen hat, trägt er sie durch die versammelte Gemeinde und steigt mit ihr den Almemor hinauf, hier setzt er sich nieder, damit die Thorarolle von ihrem silbernen Schmuck und dem Thoramantel befreit werden kann. Liebevoll gestickte und auch kostbare Thoramäntel waren in Nidda vorhanden. Vier solcher Thoramäntel wurden gerettet (siehe unten).
Auf dem Thoramantel jeder Thorarolle befand sich auch in Nidda je ein silberner Thoraschild. Sowohl Schild als auch Kronen oder der Mantel selbst waren üblicherweise Votivgaben, die von Gemeindemitgliedern gegeben wurden. Drei der vier noch vorhandenen Thoramäntel sind mit der kunstvoll gestickten Aufschrift des Namens der Stifters verziert: Ida Bat Meir ist die eine Stifterin, Menachem Bar Meir (Emanuel Eckstein) und seine Frau sind die zweiten und Naphtali (Herz) und Karoline Katz die dritten. Der vierte Thoramantel enthält nur die Abkürzungsbuchstaben für Krone der Thora (keter tora) sowie vier unleserliche Buchstaben, wahrscheinlich als Abkürzung des Stifternamens. Thoraschilde sollen an den kostbaren Brustschild des Hohenpriesters im Tempel von Jerusalem erinnern. Dessen ursprünglicher Schild war mit zwölf Edelsteinen - verteilt auf vier Reihen - verziert, auf die jeweils ein Name der zwölf Stämme Israels eingraviert war. Auf den Holzstäben der Thorarollen befanden sich auch in Nidda silberne Thora-Kronen, die sog. Rimonim. An ihr waren kleine Glöckchen angebracht. Der biblische Bezug besteht darin, dass der Hohepriester bei der Ausübung seines Amtes im Tempel ein Gewand trug, das mit goldenen Glöckchen verziert war.
Vor der Schriftlesung und danach spricht der Aufgerufene jeweils ein Gebet, zur Thora-Lesung benutzte er in Nidda einen silbernen Zeiger in Fingerform. Der Thoratext wird in den jüdischen Gemeinden auch heute noch laut vorgelesen, was seine alttestamentliche Begründung in Dtn 31, 11 hat.
In Nidda wurde zur Predigt das Lesepult heruntergeklappt, und an der Seite des Pultes befand sich eine Vorrichtung, die den Ausgang des Sabbat" symbolisierte. Vermutlich wurde der Raum nach dem Vorbild der Kirchen der Umgebung durch einen Kronleuchter beleuchtet. Diese Vermutung wird durch eine Tagebucheintragung im Tagebuch von Stephan Wallenstein nicht bestätigt. Er schreibt, dass ein (nichtjüdischer)
Mann mit einem Leiterchen die Petroleumlampen anzündete. Sie müssen entweder an der Wand befestigt oder von oben herab gehangen haben, denn zum Anzünden benutzte der Lampenanzünder Herr öster-ling" (Beruf Drechsler) nicht nur das Leiterchen" sondern auch noch ein Metallrohr, an dem vorne ein Spirituslämpchen brannte. Das Rohr selbst benutzte er auch zum Ausblasen der Petroleumlampen. Stephan Wallenstein erinnert sich noch, dass in seiner Kindheit später in die Synagoge Strom gelegt wurde.



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